Forum Politik – Handwerk – Mittelstand bringt Bildungspolitik und Handwerk an einen Tisch – NRW Bildungsministerin Dorothee Feller zu Gast

Weglaufen gilt nicht – mit dieser klaren Botschaft eröffnete NRW-Schulministerin Dorothee Feller ihren Impulsvortrag zum Forum „Politik – Handwerk – Mittelstand“ in den Handwerks-Bildungsstätten in Coesfeld. Auf Einladung der Kreishandwerkerschaft Coesfeld (KH Coesfeld) diskutierte die Ministerin gemeinsam mit rund 80 Vertreterinnen und Vertretern aus Handwerk, Politik und Bildung über die Herausforderungen im Bildungssystem und deren Auswirkungen auf die Ausbildungsfähigkeit junger Menschen.

Das Podium bei „Politik – Handwerk – Mittelstand” (von links): Robin Mentrup, Andreas Baumeister, Ulrich Müller, Dorothee Feller, Daniela Klaas und Meike Dickamp

Ausbildung in der Realität: Nachhilfe im Betrieb, Dreisatz als Fremdwort

Die geschilderten Alltagserfahrungen aus Ausbildungsbetrieben machten deutlich: Vielen Jugendlichen fehlen heute grundlegende Kompetenzen – im Rechnen, Schreiben, Lesen oder auch in sozialen und motorischen Fähigkeiten. Nicht selten müssen Betriebe im ersten Lehrjahr Nachhilfe organisieren, um schulische Defizite auszugleichen. Auch Ausbildungsabbrüche oder Orientierungslosigkeit bei der Berufswahl sind keine Seltenheit.

„Beim Lesen, Schreiben und Rechnen gibt es oftmals noch viel Luft nach oben“, sagte Kreishandwerksmeister Andreas Baumeister. Ulrich Müller, Hauptgeschäftsführer der KH Coesfeld, ergänzte: Es fehlt häufig an Grundqualifikationen – das zeigt sich schon beim Ausfüllen eines Berichtshefts.“

 Ministerin Feller: „Wir setzen klare Schwerpunkte in der Grundbildung“ NRW-Bildungsministerin Dorothee Feller unterstrich, dass das Land auf diese Entwicklungen reagiert: Ab dem kommenden Schuljahr wird der Unterricht in den sogenannten Basiskompetenzfächern Deutsch, Mathematik und Sachkunde von bisher 47 auf 55,5 Stunden im Monat erhöht. Damit soll gezielt die Grundbildung der Schülerinnen und Schüler verbessert werden – ein Schritt, der sich an erfolgreichen Beispielen aus anderen Bundesländern wie Hamburg oder Bayern orientiert. Doch Bildung beginne viel früher. Feller verwies auf den hohen Anteil an Elternhäusern, in denen Kindern nicht mehr vorgelesen wird. Sprachliche Defizite, fehlende motorische Fähigkeiten und ungleiche Startbedingungen seien die Folge. Die Landesregierung plant daher die Einführung eines digitalen Screenings zur Schulanmeldung, um frühzeitig Förderbedarfe zu erkennen und gezielt anzugehen – auch durch verpflichtende vorschulische Förderung. „Wir wollen echte Chancengleichheit schaffen – und das beginnt vor dem ersten Schultag“, so die Ministerin.

Ausbildung braucht Wertschätzung – und Orientierung

Ein weiterer Schwerpunkt der Diskussion: Die gesellschaftliche Wahrnehmung von Ausbildung. Daniela Klaas, Geschäftsführerin der Klaas Alu-Kranbau GmbH aus Ascheberg, forderte: „Eine Ausbildung muss wieder als gleichwertige Karriereoption verstanden werden.“ Viel zu oft werde jungen Menschen suggeriert, sie müssten nach der Ausbildung noch studieren – was dem Ansehen beruflicher Bildung schade.

Robin Mentrup von der Mentrup Elektrotechnik GmbH aus Dülmen betonte, dass viele Ausbilder heute an ihre Grenzen stoßen: „Wir geben unser Bestes, aber viele Azubis brauchen heute mehr Unterstützung – auch psychologisch.“

Meike Dickamp, Leiterin des Richard-von-Weizsäcker-Berufskollegs Lüdinghausen, kritisierte, dass die Möglichkeiten, die Berufskollegs bieten, zu wenig in der Gesellschaft wahrgenommen würden: „Viele Eltern sagen: Hätten wir das vorher gewusst, hätten wir unserem Kind das alles erspart“, berichtete sie.

Über 80 Gäste folgten unserer Einladung in die Handwerks-Bildungsstätten. NRW-Bildungsministerin Dorothee Feller führte aus zu den Plänen der Landesregierung.

Die Podiumsdiskussion im Anschluss an die Impulsreferate brachte die drängenden Probleme der Ausbildungsbetriebe zur Sprache.

Handwerk als Partner in der Bildungsdebatte

Die KH Coesfeld hat mit dem Forum „Politik – Handwerk – Mittelstand“ eine Plattform geschaffen, um genau diese Themen offen zu diskutieren – mit Blick auf Lösungen und gemeinsame Verantwortung. Denn eines wurde bei der Veranstaltung deutlich: Nur im Zusammenspiel von Schule, Elternhaus, Politik und Wirtschaft kann Bildung gelingen. „Wir wollen nicht länger über Symptome klagen, sondern Teil der Lösung sein“, fasste Ulrich Müller das Ziel der Veranstaltung zusammen.